DAS STÄHLERNE HERZ - Deutschland und Europa im Brennglas der Völklinger Hütte
Die Geschichte der Völklinger Hütte steht exemplarisch für die Geschichte Deutschlands und Europas. Das 19. und 20. Jahrhundert erzählen sich gewissermaßen von selbst über die konkreten Geschehnisse im und um das Eisenwerk. Umso erstaunlicher, dass bislang keine zusammenhängende Präsentation zu diesem Thema realisiert wurde. Dies wird nun erstmals umfassend unternommen.
Die Ausstellung spannt beispielhaft einen Bogen von 1830 bis zur nahen Zukunft mit signifikanten Stationen bei der Schwerstarbeit der „Erzengel“ genannten Frauen um 1900 oder der gravierenden Umweltverschmutzung durch die Völklinger Hütte: in der Nachkriegszeit insbesondere auch mit dem allgegenwärtigen roten Sinterstaub und der daraus resultierenden „Sintersonne“. Der Ausstellung geht es um die Realität und die Konsequenzen des Hüttenwerkes für Mensch, Tier und Umwelt.
Es könnte keinen stärkeren Schauplatz für diese Ausstellung geben als jenen zwischen den riesigen Schwungrädern der Gebläsehalle, die die Geschichte Deutschlands und Europas in all ihren Licht und Schattenseiten angetrieben haben. Mit dieser Ausstellung findet der Ort der Wechselausstellungen im Weltkulturerbe gewissermaßen zu sich selbst zurück.
Der Prolog der Ausstellung widmet sich dem Frühkapitalismus, der Beherrschung der Erde durch den Menschen und den Wurzeln des späteren Eisenwerks – 1822 gründet Friedrich Ludwig Röchling eine Kohlehandlung und wird zum Stammvater der Unternehmerdynastie Röchling. Wenige Jahre später, 1830, verleiht Johann Wolfgang von Goethe in „Faust II“ dem Prototyp des paternalistischen Kapitalisten Kontur: „Des Herren Wort, es gibt allein Gewicht, / Vom Lager auf, ihr Knechte! Mann für Mann! /… Daß sich das größte Werk vollende, / Genügt e i n Geist für tausend Hände.“
Dies ist das Idealbild des paternalistischen Unternehmertums: Herrenhaus, Hüttenwerk und holde Eleganz vereint in einem repräsentativen Ölgemälde der Familie Stumm, der saarländischen Eisen- und Stahlkonkurrenz der Röchlings.
Wesentliche historische und gesellschaftliche Themen Deutschlands und Europas bilden sich im Mikrokosmos der Völklinger Hütte ab: von der frühen Industrialisierung und den Innovationsschüben der Wirtschaft über die beiden Weltkriege, über Stahlhelm- und Waffenproduktion sowie massive Zwangsarbeit, hin zur Montanunion, zum „Wirtschaftswunder“ der Nachkriegszeit, zur Strukturkrise der Schwerindustrie und den Wandel zur Dienstleistungs-, Wissens- und Freizeitgesellschaft, für den das Weltkulturerbe gleichfalls beispielhaft steht.
Robert Capas Foto zeigt eine Zugmaschine mit Hakenkreuz im Völklinger Eisenwerk vor der Abstimmung 1935 – Im Hüttenwerk wurde Anfang der 1950er Jahre der Schuman-Plan unter französischer Ägide Realität.
Die Ausstellung bietet in Kapiteln zu allen diesen Themen und Zeitenwenden zahlreiche neue Forschungserkenntnisse, zum Beispiel zur Interdependenz von Schwerindustrie und Jugendstil im Deutschen Kaiserreich sowie in ganz Europa. Sie versammelt bislang entlegenes und in zahlreichen Archiven und Sammlungen weit verstreutes historisches Material in allen Medienformaten (Foto, Text, Film sowie Tondokumente) und bereitet dieses zeitgemäß auf – im Dialog zum einen mit der eigenen Sammlung des Weltkulturerbes Völklinger Hütte sowie mit ausgewählten literarischen Texten und Kunstwerken sowie Rauminstallationen von Künstler:innen der Moderne und Gegenwart.
Bisher in der historischen Aufarbeitung eher vernachlässigte Forschungsbereiche wie die Sozialgeschichte der Hütte mit ihren Generationen von Arbeiterfamilien und deren Lebensalltag, deren Arbeitskämpfe sowie die mit dem Eisenwerk verbundene Globalgeschichte der weltweit vernetzten Material- und Produktströme sollen dabei insbesondere in den Vordergrund rücken.
Ob die Präsenz italienischer und türkischer Migrant:innen oder der latente Sexismus der Werbeaufnahmen des Röchlingschen Eisen- und Stahlwerks in den 1960er-Jahren, immer stehen die Menschen und die signifikanten Spuren, die sie im und um das Werk hinterlassen haben, im Mittelpunkt der Schau.
Realisiert wird die Ausstellung mit aller ihr zur Verfügung stehenden Multimedialität: Musik und Film gehören ebenso dazu wie Originaldokumente und Fotoprojektionen sowie Modelle und Pläne, die im Anschluss an die Ausstellung im Sinne der Nachhaltigkeit die Erfahrungsqualität im Weltkulturerbe Völklinger Hütte andernorts erweitern werden. Darüber hinaus werden die gesamten Erkenntnisse in Verbindung mit der Schau in analogen wie digitalen Publikationen in drei Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch) münden.
Ob mit der Einspielung von Bertolt Brecht/Hanns Eislers Saarlied „Der 13. Januar“ oder mit Peter William Holdens Multimedia Installation "Vicious Circle" von 2012, die Ausstellung wird ebenso sinnlich und überraschend wie multiperspektivisch eine andere, neue und wesentlich erweiterte Geschichte der Völklinger Hütte entwerfen – im Blick von heute aus werden die Geschichte wie Geschichten um das Eisenwerk und dessen Menschen kritisch auf den Prüfstand gestellt und kontextualisiert: mit aktuellem Wissen und erhellenden Kunsteinsätzen.
Symposium DAS STÄHLERNE HERZ
Donnerstag, 28. Mai 2026, 9.30 bis 18 Uhr
Erzhalle Weltkulturerbe Völklinger Hütte
Der Eintritt ist kostenfrei
Die Geschichte der Völklinger Hütte steht exemplarisch für die Geschichte Deutschlands und Europas. Das 19. und 20. Jahrhundert erzählen sich gewissermaßen von selbst über die konkreten Geschehnisse im und um das Stahl- und Eisenwerk. In diesem Sinne ereignet sich ab 1. November 2026 die große Ausstellung DAS STÄHLERNE HERZ im Weltkulturerbe Völklinger Hütte: Objekte, Fotografien und Dokumente zur Welt- und Hüttengeschichte treten in einen kreativen Dialog mit literarischen Texten, Musikstücken und Kunstwerken sowie Rauminstallationen von Künstler:innen der Moderne und Gegenwart. Die Menschen werden in ihrer Interaktion mit der riesigen Maschine sichtbar.
Im Vorfeld der Großausstellung DAS STÄHLERNE HERZ - Deutschland und Europa im Brennglas der Völklinger Hütte beleuchtet am Donnerstag, den 28. Mai ein ganztägiges Symposium in der Erzhalle des Weltkulturerbes verschiedenste Aspekte der Welt- und Hüttengeschichte.
Harvard-Professor Sven Beckert reist hierzu extra ins Saarland, um Strukturen des Kapitalismus am Beispiel der Völklinger Hütte zu erläutern. In seinem kürzlich erschienenen Buch KAPITALISMUS, das von manchen Rezensenten schon jetzt als Standardwerk bezeichnet wird, spielt das Völklinger Eisen- und Stahlwerk eine wichtige Rolle. Es ist für ihn das Paradigma schlechthin für den Monopolkapitalismus Europas.
Weiter kommen ausgewiesene Fachleute zur Geschichte der Völklinger Hütte zu Wort, die zwar eine kürzere Anreise haben, deren Beiträge aber ebenso bedeutend sind. Der ehemalige Völklinger Stadtarchivar Christian Reuther und der jetzige Stadtarchivar Michael Röhrig halten ebenso Vorträge wie Inge Plettenberg, die bereits mehrere Publikationen der Völklinger Hütte und insbesondere dem dunklen Kapitel der Zwangsarbeit gewidmet hat. Mehrere Bände zur Hüttengeschichte hat auch Hubert Kesternich publiziert, er widmet sich seinem Spezialthema der Arbeiterbewegung und des Arbeitskampfs in Völklingen. Norbert Mendgen, der frühere Leiter der Bau- und Kunstdenkmalpflege im Saarland, berichtet, wie das geschlossene Eisenwerk im “kurzen Jahrzehnt“ von 1986 bis 1994 zum UNESCO-Weltkulturerbe wurde. Vorträge zur Bedeutung der Saar als Wirtschaftsraum und zur Arbeit der Frauen im ehemaligen Eisen- und Stahlwerk komplettieren das Programm.
„Das Symposium legt den Grundstein für die erste wirklich umfassende Betrachtung der Völklinger Hütte im regionalen, nationalen und globalen Kontext: Die Ausstellung wird über den Horizont des Symposiums hinaus auch Themen wie Umweltverschmutzung und deren Folgen für Pflanzen, Tiere und Menschen sowie die Realität der sogenannten Gastarbeit aufgreifen“, so Ralf Beil, Generaldirektor und Kurator der Ausstellung DAS STÄHLERNE HERZ.

